Frankfurt am Main, 19. Oktober 2026. Heute startet die 17. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Biodiversitätskonvention (CBD COP 17) in Jerewan (Armenien). Im Zentrum steht der Fortschrittsbericht, der aus Sicht des Frankfurt Conservation Centers und der darin gebündelten Partner sehr ernüchternd ausfällt. Trotz kleinerer Fortschritte in manchen Bereichen schreitet der globale Biodiversitätsverlust voran. Der Zeitplan für 2030 scheint kaum machbar. Die Partner des FCC haben klare Forderungen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der COP adressiert. Allen voran geht es darum, endlich vom Reden ins Tun zu kommen.
Vom 19. bis zum 30. Oktober 2026 treffen sich Politikerinnen und Politiker, NGOs, Unternehmen und weitere Interessensgruppen in Jerewan zur 17. Biodiversitäts-COP (Conference of the Parties). 2022 wurden bei der COP15 die Ziele für den weltweiten Schutz der Artenvielfalt im „Kunming Montreal Abkommen“ beschlossen. Dieses Abkommen wird aufgrund seiner Bedeutung auch als das „Paris-Abkommen für Biodiversität“ bezeichnet.
Mehr als 55 % der weltweiten Wirtschaft hängen moderat oder deutlich von intakten Ökosystemen und der Artenvielfalt ab.[1] Gleichzeitig erlebt die Erde derzeit den größten Biodiversitätsverlust der Menschheitsgeschichte: Bis zu eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, und das Artensterben ist heute mindestens zehn- bis einhundertmal höher als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre.[2] Auch der „Living Planet Report 2026“ des WWF zeigt einen verheerenden Verlust an biologischer Vielfalt über einen Zeitraum von 52 Jahren: Die durchschnittliche Größe der überwachten Wildtierpopulationen ist um 73 % zurückgegangen.[3] Was wir nur schleichend beobachten können, wird zu einer zunehmenden Bedrohung unserer Lebensweise. Es wird oft das Bild des Flugzeugs herangezogen: die erste Schraube löst sich, das Flugzeug fliegt weiter. So geht es noch eine ganze Weile gut, bis letztendlich die entscheidende Schraube verloren geht, die das Flugzeug zum Absturz bringt. Um das zu verhindern, hat sich die Weltgemeinschaft auf 23 notwendige Ziele[4] geeinigt, um die Biodiversität zu schützen, dazu gehören unter anderem
das 30x30 Abkommen – bis 2030 sollen 30 % der Land- und Meeresflächen wirksam geschützt werden,
die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme durch großflächige Renaturierungen z.B. von Wäldern, Feuchtgebieten etc.,
die Berücksichtigung von Biodiversität in allen Wirtschaftssektoren – von Landwirtschaft über Fischerei bis hin zu den Finanzmärkten,
der Abbau schädlicher Subventionen,
die Mobilisierung von Kapital für den Naturschutz – sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer haben sich auf zusätzliche Investitionen geeinigt.
Während die COP 2022 mit dem Kunming-Montreal Biodiversity Framework die Ziele definiert hat, beschäftigte sich die Staatengemeinschaft bei der COP 2024 in Cali (Kolumbien) mit der Frage der Umsetzung.
In der bevorstehenden COP in Jerewan geht es nun darum, wie man von Zusicherungen zu Maßnahmen kommt.
Im Rahmen der COP wird geprüft,
wie weit die Staaten bei der Umsetzung der 23 definierten Ziele sind.
wie es um die Finanzierung steht – fließt das notwendige Kapital dafür?
wie es um Rechenschaft und Monitoring steht – die Staaten müssen aufzeigen, wo sie wie aktiv geworden sind.
Insbesondere geht es auch darum, die Wirtschaft stärker miteinzubeziehen. Nicht als Gegner, sondern als Verbündete, um den Schutz unserer Lebensgrundlagen und auch der wirtschaftlichen Grundlagen zu erhalten.

Biodiversität 2026: Wo stehen wir?
Bei der Zielerreichung tun sich eklatante Lücken auf, die nur mit einer starken Beschleunigung der Bemühungen überwunden werden können.
Finanzierung: Benötigt werden gemäß Zielvereinbarung 200 Mrd. USD jährlich bis 2030. Aktuell befindet sich das Finanzierungsvolumen für Biodiversitätsmaßnahmen etwa bei 74,9-92,4 Mrd. USD.[5]
Private Investitionen: Sie sind ein ganz wesentlicher Teil des 200 Mrd.-Ziels, liegen laut OECD aktuell bei ca. 12,9 Mrd. USD.[6] Sie wachsen zwar, aber insgesamt zu langsam.30x30-Ziel: Die gute Nachricht vorweg: 50 Länder und Territorien haben gemeldet, mindestens 30 % ihres Landes bzw. ihrer Binnengewässer zu schützen oder zu erhalten. 23 Länder und Territorien überschreiten bereits das 30 %-Ziel für marine Ökoysteme.[7] Global betrachtet liegen wir aber weiter unter dem Ziel: Derzeit sind nach offiziellen Daten etwa 18,7 % der Binnengewässer und der Landfläche geschützt (eine aktuelle Studie, siehe unter 2.5., kommt unter Berücksichtigung weiterer Daten zu einem anderen Ergebnis), bei den Ozeanen sind 10 % geschützt oder anderweitig erhalten.[7] Selbst, wenn man die bestehenden Zusagen berücksichtigt, würde man bei den Ozeanen bis 2030 auf 12 % kommen.[8] Viele der Schutzgebiete bestehen aber ohne effektives Management nur auf dem Papier.
Naturschädliche Subventionen: Aktuell liegen zwar noch keine abschließenden Zahlen für 2026 vor, Schätzungen gehen aber von etwa 2 Billionen USD für umweltschädliche Subventionen weltweit aus (nicht ausschließlich Biodiversität).[9] Die Weltbank kommt sogar auf 7 Billionen USD.[10] Problematisch für die COP ist, dass bis jetzt nur 21 Länder überhaupt ihre biodiversitätsschädlichen Subventionen identifiziert haben. Es sind somit nur 16 % der Staaten berücksichtigt.[11] Insgesamt ist eine einheitliche Erfassung und Auswertung der Daten schwierig, da noch nicht alle Staaten ihre schädlichen Subventionen erfasst haben, Definitionen unterschiedlich sind und auch verschiedene Bereiche (von Umwelt bis Klima) abgedeckt werden.
Schutz der Artenvielfalt: Was muss als nächstes passieren?
Vom Diskutieren und Planen in die Umsetzung kommen: Es werden keine weiteren bürokratischen Anforderungen mehr benötigt, deutlich dringlicher ist der Start der konkreten Umsetzung. Die gute Nachricht ist, dass von 196 Vertragsstaaten 125 ihre nationalen Berichte eingereicht haben. Für Monitoring und Rechenschaft ist das eine gute Grundlage, wenn auch noch kein erfolgreicher Schutz.[12]
Besserer Einsatz der bereits vorhandenen Mittel: Die internationale Finanzierung für Biodiversität hat zuletzt zugenommen (Zahlen für 2026 liegen zum Zeitpunkt der Texterstellung noch nicht vor).[13] Es geht bei der Finanzierungsfrage jedoch nicht nur darum, zusätzliches Geld zu akquirieren, sondern bestehende schädliche Finanzströme (Subventionen) umzuleiten.
Anreize für Privatinvestitionen setzen: Anreize für private Investitionen sollten gesetzt werden, zum Beispiel durch gezielte Nutzung öffentlicher Gelder. Blended Finance, also die Kombination von öffentlichem und privatem Kapital, hat sich zuletzt als eine möglicherweise funktionsfähige Lösung erwiesen, sie muss aber weiter verfeinert und forciert werden.11 Aktuell trägt der öffentliche Sektor fast 90 % der Kosten für naturbasierte Lösungen.[14],[15] Das bringt viele grundsätzliche Probleme mit sich. Darüber hinaus verweist UNEP FI darauf, dass es einen Mangel an wirksamen Finanzinstrumenten gibt, die Cashflows in die Biodiversitäts-Hot-Spots leitet. Es bedarf skalierbarer Geschäftsmodelle und geeigneter Finanzierungsvehikel.[16] Hier ist insbesondere auch die in ihrer Tradition sehr innovative Finanzbranche in Zusammenarbeit mit den Biodiversitätsexpertinnen und -experten unterschiedlichster Disziplinen gefragt.
Biodiversität als Entscheidungsgrundlage etablieren: Biodiversität muss in Finanzierungsentscheidungen mitgedacht werden – von der Kreditvergabe über eine Investition an den Kapitalmärkten bis hin zu unternehmenseigenen Produkt-, Bau- und Infrastrukturentscheidungen.
Von Masse zu Klasse: Die Messbarkeit muss überarbeitet werden. Es geht nicht darum, einfach nur Flächen auszuweisen, sondern es muss der Impact dieser Fläche auf den Schutz von Biodiversität gemessen werden. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie:[17] Unter Einbeziehung von Gebieten, die aktuell nicht in die offiziellen Reports einfließen ("possible OECMS, other effective area-based conservation measures"), ist das 30 %-Ziel für die Landfläche möglicherweise in erreichbare Nähe gerückt. Gleichzeitig macht die Studie jedoch klar, dass nicht nur Fläche entscheidend ist, sondern auch welche Ökosysteme geschützt werden. Bestimmte Ökosysteme, wie zum Beispiel alpine oder polare Regionen, sind im Schutzgebietsnetz deutlich stärker vertreten, andere zu wenig, sodass sich der Wert für eine gleichmäßige Repräsentation der ökologischen Regionen nur geringfügig verändert. Das heißt, trotz möglicherweise wachsender Flächen geht die globale Biodiversität weiter zurück. Selbst, wenn man bei der Berechnung flächenmäßig auch die possible OECMS berücksichtigen würde. Eine reine Flächenlogik ist nicht ausreichend. Ein anderes Beispiel sind Ozeane, von denen derzeit zwar 10 % als geschützt ausgewiesen sind, als tatsächlich wirksam geschützt gelten nur 3,5 %.[18]
Vorhandenes Wissen nutzen: Bestehendes Wissen muss besser in Handlungen überführt werden. Es liegt bereits viel Wissen vor, das genutzt werden kann. Man muss nicht auf neue Erkenntnisse warten, bis man mit der Umsetzung beginnt. Gleichzeitig gibt es aber immer noch Lücken in Daten und Wissen, die geschlossen werden müssen.
Kommunikation auf Augenhöhe: Die Kommunikation muss verbessert werden. Laut Eurobarometer 2026 stimmen 96 % der EU-Bürger zu, dass wir der Natur gegenüber eine Verantwortung haben; 93 %, dass Biodiversität eine notwendige Grundlage für unsere Wirtschaft und unser Leben ist. Aber nur 55 % geben an, zu wissen, was mit dem Begriff „Biodiversität“ gemeint ist.[19] Um den Knowledge-Action-Gap zu überbrücken, müssen wir transdisziplinär arbeiten, aber gleichzeitig unsere wissenschaftlichen Elfenbeintürme verlassen. Wir müssen klar und lösungsorientiert forschen, einfach kommunizieren und Verständnishürden abbauen, damit wir alle gemeinsam am Schutz der Biodiversität arbeiten können.
Das Frankfurt Conservation Center (FCC) bringt die richtigen Köpfe zusammen, damit aus Wissen Wirkung wird. Es verbindet mit seinen 12 international renommierten Partnern Wissenschaft, Naturschutzpraxis und Gesellschaft, entwickelt integrierte Lösungsansätze und macht Expertise für konkrete Entscheidungen in Politik, Unternehmen, Verbänden, Lehre und Gesellschaft nutzbar. Denn Biodiversitätsschutz scheitert heute nicht an fehlendem Wissen, sondern häufig daran, dass Wissen, Akteure und Umsetzung nicht ausreichend zusammenkommen. Genau hier setzt das FCC an.
Weitere Informationen:
[1] https://www.pwc.co.uk/press-room/press-releases/corporate-news/more-than-half-of-global-gdp-is-exposed-to-material-nature-risk-.html
[2] https://www.de-ipbes.de/de/Globales-IPBES-Assessment-zu-Biodiversitat-und-Okosystemleistungen-1934.html
[3] https://assets.worldwildlife.org/www-prd/documents/2026.LPR.Full_Report.9.23.26.pdf
[4] https://www.cbd.int/gbf/targets
[5] https://www.oecd.org/en/about/news/press-releases/2026/10/an-overview-of-global-biodiversity-finance.html
[6] https://www.oecd.org/en/about/news/press-releases/2026/10/an-overview-of-global-biodiversity-finance.html
[7] https://www.30x30assessment.com/30x30-full-assessment.pdf
[8] https://for-the-ocean.org/news/ocean-protection-gap-report-2026/
[9] https://www.iisd.org/system/files/2025-02/environmentally-harmful-subsidies-reform.pdf
[10] https://www.worldbank.org/en/topic/climatechange/publication/detox-development
[11] https://www.carbonbrief.org/analysis-84-of-nations-miss-deadline-to-identify-nature-harming-subsidies-by-2025
[12] https://www.cbd.int/article/2026-NationalReports
[13] https://www.oecd.org/en/about/news/press-releases/2026/10/an-overview-of-global-biodiversity-finance.html; https://www.financebiodiversity.org/2025trends; https://qazinform.com/news/biodiversity-finance-reached-usd-924-billion-in-2025-oecd-c8de6d;
[14] https://www.unep.org/technical-highlight/were-funding-natures-decline-heres-how-turn-it-around
[15] „Die Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA) hat einen Beschluss zum Verständnis von naturbasierten Lösungen (Nature-based Solutions, NbS) gefasst. Demnach umfassen NbS Maßnahmen zum Schutz, zur Erhaltung, zur Wiederherstellung, zur nachhaltigen Nutzung und zur Bewirtschaftung natürlicher oder veränderter Land-, Süßwasser-, Küsten- und Meeresökosysteme. Diese Maßnahmen begegnen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen wirksam und anpassungsfähig und tragen gleichzeitig zu menschlichem Wohlbefinden, Ökosystemleistungen, Resilienz und biologischer Vielfalt bei. NbS tragen somit effektiv und nachhaltig zur Erreichung der Biodiversitäts- und Klimaziele bei und stellen Synergien zwischen diesen her. Oftmals tragen sie darüber hinaus zu weiteren Entwicklungszielen der Agenda 2030 bei. Entsprechend sind naturbasierte Lösungen zentrale Maßnahmen zur Umsetzung des Natürlichen Klimaschutzes und wichtiger Bestandteil des ANK. Beispiele sind hier unter anderem die Wiedervernässung von Mooren, die Renaturierung von Auen und der Schutz wertvoller Ökosysteme wie etwa alter, naturnaher Buchenwälder.“ Quelle: https://www.bundesumweltministerium.de/faq/was-sind-naturbasierte-loesungen
[16] https://www.unepfi.org/themes/ecosystems/trend-report-nature-finance-looking-ahead-to-2025/
[17] O’Neill et al. (2026), “Global conservation area coverage substantially exceeds current estimates”, Nature. DOI: 10.1038/s41586-026-11157-4.
[18] https://for-the-ocean.org/news/ocean-protection-gap-report-2026/
